Immer beides berücksichtigen, Entwurf und Ökonomie
- Autorin: Benedikt Kraft (Interview: Andreas Deilmann), Christian Ippach (Drei Fragen an...)
- Fotos: Roland Borgmann, Benedikt Kraft
Das „Flowers“ in Essen, ein Neubau mit Hotelzimmern und Mikroapartments, stammt aus der Architektenfeder von Andreas Deilmann, Münster. Der Architekt und Bauherr plante zusammen mit seinem Team ein achtgeschossiges, zweiflügeliges Gebäude, dessen Fassade aus gebrauchtem Ziegel eine schöne Patina hat, dessen umlaufende, sehr offen gehaltene Balkone einen gewissen Luxus ausstrahlen und das nach epidemischen Zeiten das Hybride von Hotel und Wohnen mit gemeinsamem Service erfahrbar werden lässt. Dass der Architekt hier zudem mit vorgefertigten Installations-elementen gute Erfahrungen gemacht hat, bekennt er mit Leidenschaft. Understatement? Eher die Gelassenheit desjenigen, der noch eine Menge vorhat.

Herr Deilmann, Sie haben als Architekt und Bauherr in Essen ein Hotel realisiert, das sich in einen Hotelbereich und einen Appartementflügel gliedert. Muss man so etwas heute machen angesichts der schwieriger gewordenen Marktsituation, gerade auch mit Blick auf die der Hotellerie?
Andreas Deilmann: Ja, nutzungsspezifisch gesehen ist das Haus ein Hybrid. Wir hatten beide Konzepte schon mal separat gebaut: einmal das Flowers Hotel und einmal 150 „D-partments“, wie wir unsere Apartments nennen. In Essen haben wir nun beide Konzepte miteinander verbunden, was im Wesentlichen einen Mehrwert für unsere „D-partments“ hat: Denn hier haben unsere Bewohner auch die Infrastruktur eines Hotels mit Rezeption und deren vielfältigen Services, sie haben den halböffentlichen Ort der Lobby usw., das alles in der Nähe ihrer Wohnung, in die sie sich jederzeit mit dem Aufzug zurückziehen können.
Hier Hotel, dort Wohnen, zwei durch einen Kopfbau verbundene Flügel: Gibt es bauliche Unterschiede, andere Standards, verschiedene Grundrisse etc.?
Unterschiede im Grundriss gibt es nicht, lediglich die Zahl der Räume differiert. Im Hotelflügel haben wir 150 Zimmer, im „D-partment“-Flügel 200 Wohnungen, deren jeweilige Größe genau gleich ist. Gleich ist auch die Ausstattung aller Zimmer mit Balkonen, was bei Hotels eher selten ist, aber von den Nutzern sehr geschätzt wird. Die „D-partments“ sind natürlich komplett eingerichtet, mit einem Grand Lit, und wir haben eine eingerichtete Küche, einen Arbeitsplatz, ein Sofa, Sitzgelegenheiten – Dinge, die man im Hotel normalerweise nicht hat.

Und wenn ich mehr Platz brauche, kann ich zwei oder drei Räume zu einer Suite zusammenschließen?
Nein, da müssen Sie sich woanders eine Wohnung suchen. Im Flowers in Münster haben wir zwei verschiedene Wohnungstypen, aber das ist teuer und wird vom Markt nur zögerlich angenommen.
Bei Ihren Projekten sind Sie meist Architekt und Bauherr. Hat das Vor- und vielleicht auch Nachteile?
Ich sehe nur Vorteile, denn in dem Moment, in dem wir ein Projekt entwickeln und entwerfen, weiß ich genau, was der Strich auf dem Papier kostet, sei er rund oder gerade. Wenn man Architekt und Bauherr ist, ist bereits im Entwurfsprozess das Thema der Wirtschaftlichkeit deutlich präsenter.
Das sollte man aber bei Kollegen, die für Sie als Bauherrn entwerfen, ebenso erwarten. Ich frage vielleicht deswegen auch, weil es in der Kompetenzenkonzentration niemanden gibt, der dem entwerfenden Bauherrn auch einmal kritisch über die Schulter schaut.
Möglich, aber wir haben in den Bereichen, in denen wir planen, schon sehr viel Erfahrung. Und natürlich: Wenn man einen fremden Architekten beauftragen würde, käme da sicher etwas anderes heraus, auch im Entwurflichen. Und wir wollen immer noch unsere Erfahrung in die Praxis umsetzen. Aber von der ganzen Zusammenarbeit her ist dieses Modell optimal, kürzere Wege gibt es nicht. Ich sage gerne, dass Architekt ein schöner Beruf ist, der Spaß macht, wenn nur der Bauherr nicht wäre!
Ein paar Worte zum Flowers-Entwurf in Essen bitte!
Wesentliche Grundlage des Entwurfs war das Grundstück, das auf der einen Seite einen leichten Bogen macht, auf der anderen gerade verläuft. Die Verbindungsstelle dieser Linie zeigt in Richtung Innenstadt, an die die vertikale und horizontale Erschließung angedockt werden konnte. Daraus hat sich unser Nutzungskonzept „Hotel und „D-partments“ in zwei Flügeln“ ergeben. Die hofseitigen Balkone haben natürlich eine andere Qualität als die zum Straßenraum, aber immerhin hat jedes Zimmer, jede Wohnung einen solchen Außenraum. Die zur Straße haben vielleicht nicht die Ruhe, dafür haben sie mehr oder länger Sonne.
„Wesentliche Grundlage des Entwurfs war das Grundstück, das auf der einen Seite einen leichten Bogen macht, auf der anderen gerade verläuft.“
Andreas Deilmann
Jetzt haben Sie keine Balustrade an Ihren Balkonen, die Außenräume sind durch ein Netz „geschlossen“. Ist das im achten Geschoss noch verträglich für Leute, die Höhenangst haben?
Also für Leute, die nicht schwindelfrei sind, ist es ungewöhnlich, aber das Stahlnetz von der Firma Carl Stahl ist für Parkhäuser zugelassen, da passiert nichts.

Sie haben für die Fassade Riemchen verwendet, die aus recycelten Ziegeln geschnitten wurden. Was war die Idee, warum haben Sie die alten Steine verwendet?
Ich wollte gerne eine Optik haben, wie sie ein altes Lagergebäude hat. Und da wir heutzutage – jedenfalls wenn wir die KfW-Auflagen einhalten wollen – gezwungen sind, mit Riemchen auf der 22 cm starken Dämmung zu arbeiten, wollten wir Steinoberflächen mit Patina. Beim Flowers in Essen haben wir bestimmt 50 Muster probiert, aber erst, als wir die Wärmedämmarbeiten vergeben hatten, hat uns die ausführende Firma auf einen Produzenten im Ruhrgebiet verwiesen, der aus Abbruchziegeln Riemchen herstellt mit – sehr wichtig – entsprechender Zulassung! Dieses Material hat eine ganz andere Optik, das Oberflächenbild mit Resten von Graffiti beispielsweise ist einfach viel lebendiger.

Bei sich wiederholenden, relativ regelmäßigen Grundrissen bietet es sich an, mit vorgefertigten Elementen zu arbeiten. So haben Sie in den Bädern vorinstallierte Elemente, sogenannte Register, verwenden können. Können Sie diesen Aspekt der Planung/Ausführung kurz beschreiben?
Wir haben bei Kleinwohnungen schon mit allen möglichen Varianten experimentiert. Wir haben Fertignasszellen verwendet oder die Bäder – nach der eher kritischen Erfahrung mit den Fertignasszellen – ganz konventionell gebaut. Das ist jetzt ein Zwischending, hier wird die komplette Installation als vorinstallierte Wand auf die Baustelle geliefert. Wir können damit die Bauzeiten verkürzen. Denn wenn Sie 150 Bäder konventionell installieren, können Sie sich vorstellen, wie viele Leute sich in jedem kleinen Badezimmer drängeln, da haben Sie von Elektro und Heizung über Sanitär bis Fliesen und Abdichtungen locker sechs, sieben verschiedene Gewerke. Wenn man das etwas reduzieren kann, ist das natürlich ein Vorteil.
„Die Mischung aus Fertigzelle und konventioneller Bauweise hat sich bewährt, wir können damit die Bauzeiten verkürzen.“
Andreas Deilmann


Was befindet sich in den sogenannten Registern?
In den Metallgestellen sind alle vertikalen Strangleitungen, also sowohl Abfluss, Wasser, Warmwasser, Kaltwasser, Heizungsvor- und -rücklauf als auch die notwendigen Lüftungsrohre untergebracht, die Sie für die Be- und Entlüftung der Bäder brauchen.
Ist diese Art der Vorfertigung etwas, was Sie in ähnlichen Projekten noch mal verwenden würden?
Ja, durchaus. Wir planen aktuell ein Studentenwohnheim hier bei uns auf dem Germania Campus in Münster, da werden wir in jedem Fall das gleiche System erneut verwenden.

Zum Abschluss: Bei Deilmann denkt man natürlich auch an Harald Deilmann, Ihren Vater, der war Vollblutarchitekt. Sie selbst beschreiben sich als jemanden, der unternehmerisch denkt. Sind Sie Architekt, sind Sie Unternehmer?
Natürlich fängt alles mit dem Entwurf an, da bin ich Architekt. Aber während des Entwurfs bin ich auch Kaufmann, weil ich wirtschaftlich entwerfe. Ich weiß, dass Wände am besten geschossweise übereinanderstehen, die Sanitärleitungen vertikal stringent geplant sein sollten. Ich denke, man muss immer beides berücksichtigen, Entwurf und Ökonomie. Und wir denken natürlich noch weiter, weil wir in der Regel diese Häuser auch im Bestand behalten. Wir denken auch daran, was in 10, in 20 oder auch in 30 Jahren sein wird.
Drei Fragen an…

Ralph Kerkhoff, Geschäftsführer KERKHOFF Gebäudetechnik GmbH 
Markus Schulte, Bauleitender Architekt Deilmann Planungsgesellschaft
Die Deilmann Planungsgesellschaft und die Firma KERKHOFF Gebäudetechnik haben bereits in der frühen Planungsphase des Flowers Hotels zusammengearbeitet. Wie kam diese Kooperation zustande?
Markus Schulte: Durch eine Vielzahl anderer Projekte, die wir in der Vergangenheit gemeinsam realisiert haben, bestand bereits ein langjähriges Vertrauensverhältnis. Die Firma KERKHOFF unterstützte uns deshalb auch von Anfang an in der TGA-Planung des Flowers Hotels bzw. in der Entwurfsplanung der haustechnischen Gewerke: So haben wir etwa zusammen nach vorgefertigten Sanitärsystemlösungen gesucht, um die wesentlichen Komponenten der Rohinstallation in den Rohbau einzubringen, bevor die nächste Geschossdecke aufgelegt wurde.
Bitte schildern Sie die Installation der vorgefertigten Sanitärwände.
Ralph Kerkhoff: Die raumhohen Register wurden in einem Stück mittels eines Krans in das jeweilige Bad transportiert, ausgerichtet und dort fest mit dem Baukörper verbunden. Im Anschluss daran wurden die Rohrleitungen des gerade montierten Registers mit den Rohrleitungen des eine Etage darunter befindlichen Registers verbunden. Der „Hochbau“ verlegte direkt nach der Einbringung der Register die Filigrandecken mit den vorher angegeben Regeldurchbrüchen, durch die bereits die Rohrleitungen für den Anschluss des Registers in der nächsten Etage hindurchragten. Unter den Regeldurchbrüchen wurde dann die an den Registern befindliche verlorene Schalung fixiert, so dass der „Hochbau“ nach der Verlegung aller Filigranplatten direkt eine durchgängige Betonage inklusive der Schächte durchführen konnte.
Welche Vorteile brachte die vorgefertigte Sanitärwand TECEsystem?
Ralph Kerkhoff: Die Vorfertigung, die fortwährende Einbringung und Montage parallel zu den laufenden Hochbauarbeiten ermöglichte es, dass die Rohinstallation der Bäder inklusive der Ver- und Entsorgungsstränge nahezu zeitgleich mit der Betonage der obersten Decke fertiggestellt wurde. Außerdem war kein nachträglicher Verguss der Durchbrüche mehr erforderlich und die weiteren Gewerke wie Trockenbau, Fliesenlegen etc. konnten sehr früh beginnen.
Markus Schulte: So hatten wir eine hohe Planungssicherheit und konnten die Bauzeit optimieren, was wirtschaftliche Vorteile mit sich brachte. Gleichzeitig ermöglichte die Produktion der Vorwandsysteme im Werk eine Qualitätssteigerung, da Fehler auf der Baustelle – z. B. die Überschreitung von Maßtoleranzen – u. a. durch bessere Montagebedingungen und mehrere Qualitätskontrollen nahezu ausgeschlossen waren. Hier kam uns auch zugute, dass TECE bereits in der Ausführungsplanung involviert war. Herr Nothelle (TECE-Projektmanager) und sein Team ergänzten die Detaillierung der Vorwandinstallationen und entwickelten mehrere Versionen für die vier unterschiedlichen Einbausituationen. Nach der gemeinsamen Festlegung der gewünschten Ausführungsvarianten wurden Musterregister erstellt, die vor Ort auf der Baustelle zur Probe montiert, begutachtet und in Teilbereichen angepasst wurden, bevor die Serienproduktion startete.

Architekt:
Deilmann Planungsgesellschaft, Münster (DE)
www.deilmann.com
Projekte (Auswahl):
2009 Germania Campus, Münster
2009 Hanse Carré, Münster
2016 Wolbecker Hof, Münster
2016 Deilmann Park, Münster
2017 Hochhaus Metropolis, Münster
Flowers Hotel
Deilmann Planungsgesellschaft
Die in Münster ansässige Deilmann Planungsgesellschaft ist im Bereich der Immobilienwirtschaft tätig. Ihr Schwerpunkt ist die Projektentwicklung für den eigenen Bestand am Standort Münster. Zum aktuellen Bestand gehören neben größeren Gewerbeimmobilien auch zahlreiche Wohneinheiten. Als familiengeführtes Unternehmen legt sie großen Wert auf eine nachhaltige Bewirtschaftung ihrer Immobilien. Dieser Aspekt ist ebenfalls bei der Projektierung wichtig. Man achtet darauf, dass sich die Gebäude gut in die Umgebung einfügen und das Stadtbild dauerhaft prägen.

